Freund oder Feind – Eine geschnittene Szene aus „Des Teufels Mörder“

Achtung: Die folgende Szene gehörte ursprünglich zum Finale des Romans, sie kann also – ebenso wie der folgende Einleitungstext – noch immer Hinweise auf den Verlauf der Handlung geben.

Bei Filmen ist man es ja gewohnt, dass Szenen gedreht werden, die am Ende nicht im Film landen. Das Gleiche ist mir auch beim Schreiben immer wieder passiert. Ich habe natürlich am laufenden Band Passagen im kleineren und größeren Maße umgeschrieben; das war nichts Ungewöhnliches. Manchmal hatte ich aber auch eine recht umfangreiche Szene mehr oder weniger komplett fertig, merkte dann allerdings im Nachhinein – oder wurde von aufmerksamen Testlesern darauf hingewiesen -, dass sie einfach nicht in den Gesamttext passt. In so einem Fall ist es dann wohl das Beste, rigoros die Schere – oder die Delete-Taste – anzusetzen.
Der Sinn der folgenden Szene bestand ursprünglich darin, während Ellas Flucht vor Ignaz bei ihr und beim Leser die Hoffnung auf Rettung zu erwecken, diese dann aber zu enttäuschen, also eine Art retardierendes Moment zu schaffen.
Gestrichen habe ich die Szene aus verschiedenen Gründen: Zum einen ist Ella keine Jungfrau in Nöten, die gerettet werden muss, erst recht nicht von einer Figur, die hier zum ersten Mal auftaucht. Außerdem erschien es mir unplausibel und zu bequem, dass Ella an einem so unwahrscheinlichen Ort wie den Gängen unter einer Burg zufällig auf eine andere Person stößt. Und zuletzt enthält diese Szene auch noch eine alberne, popkulturelle Anspielung auf die Indiana-Jones-Filme, die so gar nicht zu „Des Teufels Mörder“ passt und bei der ich auch gar nicht mehr genau weiß, was ich mir dabei gedacht habe.


 

Auf Ihrer Flucht vor Ignaz quer durch die Ruinen der Wesselsburg ist es Ella gelungen, in einen Kanal unter der Burg zu klettern, durch den sie möglicherweise entkommen kann.

[…] Schon bald hörte sie ein Plätschern und der Schacht erweiterte sich ein wenig. Unter Ella zeichnete sich in einem Rund matten Gelbes sein Ende ab. Schließlich traten ihre Füße ins Leere. Sie konnte nur schwer abschätzen, wie weit unter ihr sich der Boden befand, dem Plätschern nach zu urteilen, konnte es aber nicht allzu weit sein. Sie wagte einen Sprung ins Ungewisse.
Ella taumelte bei der Landung und stolperte mit einem Fuß in ein kleines Bächlein, dass sich seinen Weg durch eine längliche Höhle bahnte, doch sie schaffte es, sich an den Höhlenwänden abzustützen, ehe sie vollends stürzte. Überraschenderweise war es hier deutlich heller als im Schacht und rasch erkannte Ella die Ursache dafür. Einige Dutzend Meter vor ihr, aus einem Seitengang der Höhle, flackerte ihr das Licht eines Feuers entgegen. Irgendjemand musste hier sein.
Ella hielt sich dicht an der Wand, während sie auf die Quelle des Lichtes zuging. Als sie den Seitengang fast erreicht hatte, hörte sie plötzlich ein leises und regelmäßiges Schnarchen. Vorsichtig beugte sie sich um die Ecke, nur um den Kopf sofort wieder zurückzuziehen. Was ihr Blick kurz erhascht hatte, sah aus wie eine Lagerstätte. Neben dem Feuer hatte sie eine paar Säcke, eine kleine Kiste und eine Hand voll Werkzeuge erkennen können. Und einen Mann, der mit dem Rücken zum Hauptgang auf einem provisorischen Nachtlager ruhte. Ella riskierte einen zweiten Blick. Der Mann machte keine Bewegung. Allem Anschein nach hatte er Ellas Kommen nicht bemerkt. Kurz überlegte sie, ob sie ihn wecken, ihn um Hilfe bitten sollte, doch wer auch immer sich hier in einer Höhle versteckte, würde es vielleicht gar nicht mögen, dass man ihn gefunden hatte.
Der Bach floss an dem Seitengang vorbei und folgte dann einer leichten Biegung des Hauptganges. Ella zog ihre Schuhe aus. Vorsichtig am Lager des Mannes vorbei zu schleichen und dem Wasser zu folgen, schien ihr die beste Lösung. Weit konnte es nicht sein, bis sie der Bach ans Tageslicht führen würde. Und tatsächlich hatte sie den Seitengang gerade einmal halb hinter sich gelassen, als ein Stück vor ihr der gelbe Schein des Feuers langsam in den weißen Schein des Tageslichtes überging.
„Bleiben Sie sofort stehen und drehen Sie sich um.“
Verdammt! Ella drehte sich langsam um und musste feststellen, dass der Mann nun auf seinem Lager stand – die Haare zerwuselt, im Gesicht einen Bart, der davon zeugte, dass er sicherlich seit einer Woche hier unten war – und einen Revolver auf sie gerichtet hatte. Ella hob ihre Hände, in denen sie noch immer ihre Schuhe hielt.
„Kommen Sie hier rüber ins Licht“, befahl der Mann mit einem breiten amerikanischen Akzent, wobei er mit seinem Revolver herumfuchtelte. Ella tat wie ihr geheißen. Der Mann musterte sie ein paar Sekunden. „Wer sind sie? Schickt der Alte jetzt schon Frauen, um die Drecksarbeit zu erledigen? Oder warten Garth, Roscoe und die anderen draußen und Sie sind nur ein Kundschafter?“
„Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung wovon sie sprechen.“
„Natürlich. Und in diese Höhle hier sind Sie nur rein zufällig gestolpert. Nein, warten Sie, Sie kommen regelmäßig hierher, weil Ihnen das Ambiente so ungemein zusagt.“
„Ich habe keine Zeit, Ihnen alles zu erklären. Aber ich werde verfolgt, von einem Mann, der nicht möchte, dass ich zurück nach Solkers komme, ein Dorf, das einige Kilometer von hier entfernt liegt, denn er möchte einen Mord vertuschen, an dem er beteiligt war. Er hat mich oben in den Ruinen eingesperrt, aber ich konnte entkommen. Auf der Flucht vor ihm habe ich einen der Zugänge zur Kloake entdeckt, den sie da als Abzug für ihr Feuer benutzen.“
Der Mann grinste. „Ich muss sagen. Das war ungemein kompetent vorgetragen. Ein bisschen zu abgebrüht für eine Dame, die angeblich gerade von jemandem verfolgt wird, aber ungemein kompetent.“
„Jetzt passen Sie mal auf. Es ist mir völlig egal wer Sie sind und was Sie hier machen. Aber der Mann, der mich verfolgt, wird sicher nicht lange brauchen, bis er diese Höhle entdeckt. Sie können also dankbar sein, dass ich Sie warne. Zugleich bedeutet das aber auch, dass ich jetzt von hier verschwinden muss. Ich erwarte nicht, dass Sie mir dabei helfen, aber ich erwarte, dass Sie mir dabei nicht im Weg stehen. Und seien wir ehrlich. Die Art, wie Sie Ihren Revolver halten, zeigt, dass Sie Ihn häufiger benutzen, um Leute damit in Schach zu halten, als tatsächlich auf sie zu schießen. Deswegen werde ich jetzt gehen und Sie werden nichts dagegen tun.“ Daraufhin begann sie, sich langsam von ihrem sichtlich perplexen Gegenüber zu entfernen.
Tatsächlich machte der Amerikaner keine Anstalten ihr zu folgen. „Also gut“, sagte er schließlich, nachdem Ella schon fast um die Biegung der Höhle verschwunden war. „Aber falls Garth und seine Bande hier auftauchen, dann werde diesmal nicht ich derjenige sein, der verliert. Damit das klar ist.“
Sobald der Mann außer Sicht war, zog Ella ihre Schuhe wieder an und trat blinzelnd ins Sonnenlicht. Sie war südöstlich der Burg herausgekommen, also musste der Weg nach Solkers irgendwo hinter dem Wald recht…
„Schön dass du von alleine herauskommst. Ich dachte schon, ich müsste dich holen.“ Ignaz kauerte oben über dem Höhleneingang auf einem Felsen wie ein Luchs in Angriffsstellung. Ella wich zurück, doch schon stürzte sich der Jäger auf sie, riss sie zu Boden. Ella schlug und trat, doch Ignaz war schlicht stärker als sie.
„Es reicht mir jetzt mit dir.“ Die Faust des Jägers traf Ella hart ins Gesicht. Sie revanchierte sich mit einer geballten Ladung Rotze, die in seinem Auge landete. Er war wütend, das sah man ihm an. Und man spürte es auch, denn sein Griff wurde fester. Er zog Ella auf die Beine. Sie wollte nicht, doch Ignaz schleifte sie einfach hinter sich her.
Plötzlich schrie der Jäger auf. Er sackte auf die Knie ließ Ella und sein Gewehr los und hielt sich stattdessen den Hinterkopf mit beiden Händen. Sofort brachte Ella ein wenig Abstand zwischen sich und Ignaz. Den Grund für seine Schmerzen entdeckte sie am Eingang der Höhle. Der Amerikaner stand dort, einen dicken Stein in der Hand, bereit ihn zu werfen. Einen weiteren Stein entdeckte Ella im Gras hinter Ignaz liegend. Der hatte sich inzwischen wieder gefangen und drehte sich wutschnaubend um. Der Amerikaner warf den zweiten Stein, dem Ignaz ohne Probleme auswich, und rannte dann auf den Jäger zu, bevor der auch nur die Gelegenheit hatte, nach seinem Gewehr zu greifen.
Die beiden Männer prallten aufeinander. Fäuste sausten durch die Luft. Es knackte, als sie auf Kiefer und Wagenknochen und Nasen trafen. Tritte wurden ausgetauscht, Schläge angetäuscht und abgewehrt. Der Amerikaner war ein ganzes Stück kleiner als Ignaz und wirkte auch nicht so wuchtig, doch man merkte seinen Bewegungen an, dass er weit geübter im Faustkampf war als der Jäger, der es wohl besser verstand, mit seinen Waffen umzugehen. So dauerte es zwar eine Weile, doch schließlich brachte er Ignaz zu Fall. Der versuchte noch, sich wieder aufzuraffen, doch ein letzter Haken schickte ihn endgültig ins Reich der Träume. Der Amerikaner ging zu seinem Kontrahenten. Stieß ihn mit dem Fuß an. Nichts. Dann wandte er sich Ella zu, die am Stamm eines Baumes lehnte und nun zum ersten Mal seit einer ganzen Weile das Gefühl hatte, durchatmen zu können.
„Sie gehören wohl doch nicht zu Garth“, sagte der Mann mit einem verschmitzen Lächeln im Gesicht.
„Nein, nein tue ich nicht.“ Ella lächelte erleichtert zurück. Doch rasch fiel ihr wieder ein, dass noch nicht die Zeit gekommen war, sich auszuruhen. „Ich muss zurück ins Dorf. So schnell wie möglich.“
„Ja, das haben Sie vorhin schon gesagt. Soll ich Sie begleiten? Ich muss nur ein paar Sachen einpacken und bin in fünf Minuten reisefertig.“
Ella nickte und ergriff seine ausgestreckte Hand. Sie war fest und stark. „Mein Name ist übrigens In…“
Ein dumpfes Klatschen ertönte. Der Griff des Amerikaners wurde schlaff. Seine Pupillen drehten sich nach oben, so dass nur noch das Weiß in seinen Augen zu sehen war. Wie ein schlaffer Sack stürzte er zur Seite und gab die Sicht frei auf Ignaz, der mit einem Stein und einem grimmigen Gesichtsausdruck bewaffnet vor Ella stand.



Comments are closed.